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Schreib’s Dir von der Seele – Warum Schreiben gut für die Psyche ist

#redenhilft #schreibenauch: Gastebeitrag von Dominique de Marné

Das ist kein Ratschlag, sondern meine Erfahrung. Hätte man mir vor wenigen Jahren noch versucht zu erklären, dass es eine Alternative zum Schweigen, zum Verstecken, zum Verstellen gibt, hätte ich laut gelacht – und es einfach nicht geglaubt. Heute weiß ich, wie sehr reden helfen kann, wie gut es tun kann, über Dinge zu sprechen. Mit «reden» ist nicht nur «sprechen» gemeint. Sondern jede Form des Ausdrückens, des Teilens, des Rauslassens. Bei mir ist es vor allem das Schreiben, was geholfen hat –und weiterhin hilft.

Mein Name ist Dominique, 2013 wurden bei mir eine Borderline Persönlichkeitsstörung, eine Alkoholabhängigkeit und eine Depression diagnostiziert.

Begleitet haben die drei mich aber auch schon die zehn Jahre davor. Da wusste ich nur einfach noch nicht, was mit mir los war. Habe versucht, meinen Kopf irgendwie in den Griff zu bekommen; alles daran gesetzt, dass niemand mitbekam, wie schlecht es mir ging, wie viel ich trank, dass ich mich selbst verletzte.

Einen Namen für mein «Anderssein» zu haben, hat unglaublich gut getan, war eine große Entlastung – und war der Anfang meiner Mission.

 

Denn als ich merkte, dass es da noch ein anderes, ziemlich großes Problem namens Stigma gibt, hat mich das zunächst ziemlich überrascht. Mich hat erschrocken, wie groß dieses Problem eigentlich ist, wie sehr Betroffene – genau wie Angehörige und Profis – darunter leiden.

Und ich beschloss, etwas daran zu ändern. Zu verändern, dass und wie wir über psychische Gesundheit reden. Und habe bei mir angefangen. 2015 ging mein Blog Traveling | the | Borderline online, auf dem ich über meine eigenen Erfahrungen rund um meine Diagnosen, Psychiatrie, Therapie, Rückfälle, Fortschritte, Alltag und Stigma schreibe.

Das Schreiben begleitet mich schon seit meiner Kindheit und hat mich auch inmitten des Sturms aus Krankheit nie ganz verlassen.Wenn die Borderline, die Sucht und die Depression in mir tobten war ich zwar nicht mehr im Stande, zusammenhängende Texte zu schreiben. Aber für fragmentarische, abgehackte – positiv ausgedrückt – Gedichte, hat es noch gereicht.

Wenn ich diese Texte heute ansehe spüre ich wieder das Chaos, die Verwirrung, den Schmerz, die Wut, die Angst, die Verzweiflung und bin im Nachhinein froh, dass ich dieses Ventil hatte.

 

Auf dem Blog waren es dann wieder «richtige» Artikel, in denen ich mich den unterschiedlichsten Aspekten meines Lebens, meiner Krankheiten widmete. Recht schnell hab ich gemerkt, dass über diese Dinge zu schreiben, sie in Worte zu fassen, mir auch dabei hilft, anders und besser mit ihnen umzugehen. Dass es mir dabei hilft, alles was um mich herum, in mir drin passiert, besser zu verstehen. Dass ich manches vielleicht schon irgendwo in mir drin wusste, aber erst als ich es einmal in die Tasten gedrückt hatte, wirklich greifen konnte.

So hat mich das Schreiben über die einzelnen Borderline-Symptome regelrecht dazu gezwungen, mir anzuschauen, wie sich die Krankheit bei mir äußert.

So habe ich die Alkoholabhängigkeit erst vollständig akzeptieren können, als ich auch darüber endlich einen Artikel geschrieben hatte. So bin ich mir nach und nach mehr auf die Schliche gekommen. Habe Puzzleteile gesammelt, sie ins große Ganze einsetzen können und nach und nach richtig viel über mich gelernt. So manches mal hatte ich regelrechte «Aha»-Momente, wenn ich mir das Geschriebene im Anschluss nochmal durchlas. «Darum ist das also so, verstehe!»

Auch mein Umfeld hat davon profitiert, dass es nun klare Worte zu unklaren Fragen gab. Ganz schön viel, was in uns vorgeht – ganz abgesehen von Borderline, Sucht, Depression, krank oder gesund – ist verdammt schwer zu erklären. Oder auch nur auszusprechen.

Wir haben Angst, was das Gegenüber von uns denken könnte, dass wir nicht verstanden werden, nicht mehr weiter wissen, nicht die richtigen Worte finden. Und versuchen es dann gar nicht erst.

 

In der Ruhe des Schreibprozesses findet sich dann aber Gelegenheit und Zeit, diese Sorgen abzustellen. Dinge, die im direkten, persönlichen Gespräch schwer zu erklären, nahezu unmöglich zu sagen sind, können nun erklärt und gesagt werden. Mein Blog hat es möglich gemacht, dass Menschen Sachen über mich erfahren haben, die ich ihnen niemals erzählt hätte, auch wenn ich sie ihnen gerne erzählt hätte.

Diese Art der Kommunikation hat mir die Chance gegeben, in Ruhe und in meinem Tempo Worte zu finden. Meinem Umfeld – und vielen anderen Lesern – hat sie ermöglicht, ebenso in Ruhe und im eigenen Tempo zu lesen, zu begreifen, zu verdauen. Auf dieser Grundlage waren dann ganz andere, ganz neue Gespräche möglich. Nun konnten Fragen gestellt und beantwortet werden. Das Geschriebene stellte die Basis dar, von der aus wir uns gemeinsam weiter bewegen konnten. So erhielt ich nach manch veröffentlichtem Artikel Anrufe oder Nachrichten von meiner Mutter oder Freunden á la «Ach so ist das bei dir / für dich!». Verbunden mit einer offenen, ehrlichen Dankbarkeit, Interesse und nun der Möglichkeit, dem Wissen, wieder etwas mehr verstanden zu haben, wieder etwas besser verstanden zu werden.

Nach und nach ist mein Blog gewachsen, kamen Projekte und Partner hinzu, so dass ich mittlerweile nicht mehr nur in Blogartikeln rede, sondern auch auf Bühnen, vor Schulklassen, in Interviews und auf Konferenzen. Das war aber erst möglich, weil ich mir im Schreibprozess einmal in Ruhe Gedanken über alles gemacht hatte. Mein eigenes Kopfchaos soweit sortiert hatte, dass ich daraus ganze Sätze formulieren kann.

Meiner Meinung nach steckt hinter Stigmatisierung selten eine (böse) Absicht. Sondern in den meisten Fällen sind es Unsicherheit, Unwissenheit, Hilflosigkeit die die Leute in den «Abwehrmodus» schicken.

 

Wenn ich über ein Thema nicht so richtig Bescheid weiß, dann ist es immer einfacher, die Sache einfach wegzudrücken als mich ihr zuzuwenden. Und so bin ich auch überzeugt davon, dass mehr geredet werden muss, um das Stigma nach und nach aus der Welt zu schaffen. Vor allem müssen wir Betroffenen reden – denn die «Gesunden» werden nicht plötzlich anfangen, Fragen zu stellen.

Heute versuche ich, anderen Betroffenen, Angehörigen, Interessierten dabei zu helfen, ihre eigene Form des Sortierens zu finden. Es muss nicht immer das klassische Reden sein. Oder Schreiben. Im Grunde geht es darum, den Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen einen Weg nach draußen zu ermöglichen. Es hilft uns dabei, wenn wir einen Blick «von außen» darauf werfen können. Und wenn andere dann mit drauf schauen – um so besser. Aber kein Muss.

Ich habe gelernt, wie dankbar die Leute sind, dass endlich mal jemand anfängt, zu reden. Wie viele Fragen die Leute haben – die nicht von Google beantwortet werden können.

 

Wie sehr das Thema «psychische Gesundheit» die Menschen beschäftigt. Diese Erfahrungen ermuntern und motivieren mich jeden Tag aufs neue, weiter zu reden, weiter zu schreiben – nun sogar in meinem eigenen Buch.

Und ich persönlich bin dankbar, dass ich das Schreiben habe. Dass es mir dabei geholfen hat, nach und nach aus der Dunkelheit herauszukommen; dass es mir gezeigt hat, dass es eine Alternative zum Schweigen, zum Verstecken, zum Verstellen gibt; dass es mich dabei unterstützt hat, aus meiner einstigen größten Schwäche meine größte Stärke zu machen.

Dominique de Marné

Mental Health Advocate, Bloggerin, Erfahren mit Borderline Persönlichkeitsstörung, Alkoholabhängigkeit und Depression
Dominique de Marné

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