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Unbemerkt – Leben ohne die richtige Diagnose

Gastautorin Nici Asperger, 24 Jahre, Bloggerin (Unbemerkt.eu), mit 15 fingen die psychischen Probleme an. Seitdem erfahren mit dem Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus, Depressionen und Essstörungen.

Blog: https://www.unbemerkt.eu

Ich heiße Nici und bin 24 Jahre alt. Ich habe die meisten Jahre meiner Kindheit mit meinem Bruder und meiner Mutter in einem hübschen Reihenhaus gewohnt. In meiner Schulzeit hatte ich immer Freunde und so gut wie alle Fächer sind mir leichtgefallen. Nach dem Abitur hat es mich nach Dänemark verschlagen. Wo ich eigentlich nur ein halbes Jahr bleiben wollte, bin ich heute immer noch. Ich habe dort erst ein kreatives Studium angefangen, dann aber herausgefunden, dass es nicht das richtige für mich ist. Jetzt überlege ich Programmiererin zu werden. Abgesehen vom Auswandern, klingt mein Leben ziemlich normal und hürdenfrei. Ganz so normal ist es aber doch nicht verlaufen.

Ich habe mein ganzes Leben lang mit einer Behinderung gelebt, ohne es zu wissen. Ich habe das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus.

Ich fange am besten von vorne an. Bis ich 15 Jahre alt war, kam ich mir ziemlich normal vor. Ich hatte eine tolle Familie, nette Freunde und in der Schule ist auch immer alles gut gelaufen. Irgendwann ging es mir aber psychisch immer schlechter. Ich war die ganze Zeit traurig, wollte in der Früh nicht aufstehen und hatte nicht einmal Lust mich mit Freunden zu treffen. Mit 17 wurde ich auf alle möglichen psychischen Krankheiten getestet, um herauszufinden, ob es einen Grund dafür gab, dass es mir so schlecht ging.

Bei den Tests kam heraus, dass ich eine beginnende Persönlichkeitsstörung haben könnte. Einer der Gründe für diese Verdachtsdiagnose war, dass ich angefangen hatte mich selbst zu verletzen. Um es vorwegzunehmen: die Verdachtsdiagnose war falsch. Ich habe keine Persönlichkeitsstörung. Zu dem Zeitpunkt hatte ich aber, zusätzlich zu den Problemen mit Selbstverletzung, auch eine Essstörung entwickelt. Und die war echt, nicht so wie die Persönlichkeitsstörung.

Ich habe heute noch mit der Essstörung zu kämpfen. Meine Gefühle waren einfach zu viel für mich.

Ich wusste nicht, wie ich mit ihnen umgehen sollte und da sind Selbstverletzung und der Fokus auf Essen und mein Gewicht eine Art Ablenkung für mich geworden. Mit etwas Zeit und Therapie ging es mir nach ein paar Jahren gut genug, dass ich mir zugetraut habe ins Ausland zu gehen. Dort ist mir aber doch immer wieder aufgefallen, dass ich nicht ganz so war, wie die anderen in meinem Alter. Ich hatte zum Beispiel nicht so viel Energie und ich habe mir schwergetan mit Veränderungen.

Nach einem Jahr in Dänemark kamen durch Umzüge und Arbeitswechsel allerdings jede Menge Veränderungen auf mich zu. Alles wurde zu viel für mich und ich entwickelte eine Depression. Die ersten Monate mit der Depression ging es mir so schlecht, wie nie zu vor. Nach einiger Zeit habe ich nicht mal mehr einen Sinn im Leben erkannt. Es hat ziemlich lange gedauert, bis es mir wieder besserging. Aber selbst dann wusste ich, dass irgendetwas immer noch nicht stimmte.

Als ich 22 war, habe ich endlich herausgefunden, was es war. Ich habe eine Dokumentation über das Asperger-Syndrom gesehen und mich vollkommen darin wiedererkannt.

Ich habe meine Psychologin sofort darauf angesprochen, sie hat mich getestet und wenige Wochen danach stand die Diagnose fest. Die Diagnose hat so vieles in meinem Leben erklärt. Autisten tun sich nämlich schwer mit Veränderungen. Sie nehmen außerdem Sinneseindrücke oft stärker wahr und tun sich schwer in sozialen Zusammenhängen. Dadurch sind sie schneller erschöpft als andere.

Viele der Symptome ähneln allerdings einer Persönlichkeitsstörung. Daher kam bei mir wahrscheinlich die Fehldiagnose. Manchmal bin ich ziemlich traurig darüber, dass das Asperger-Syndrom bei mir nicht früher erkannt wurde. Ich hätte vermutlich die Depression oder sogar mehr Probleme umgehen können.

Die letzten Jahre waren nicht einfach für mich, aber mittlerweile habe ich eine Kontaktperson, die mir wirklich sehr hilft. Sie ist wie eine Art Psychologin, allerdings kann sie mir auch mit alltäglichen Dingen, wie Telefonaten, helfen.

Das Wichtigste ist, finde ich, jemanden zu finden, dem man voll und ganz vertrauen kann.

Meine Kontaktperson hilft mir jetzt dabei, mich selbst besser zu verstehen und Strategien zu entwickeln, mir selber zu helfen. Sie kennt sich auch gut damit aus, welche anderen Unterstützungen ich mit meinen Diagnosen bekommen kann.

Was ich anderen raten würde, ist auf jeden Fall auf sich selbst zu hören. Man kennt sich selbst am besten und wenn man denkt, dass etwas mit einem nicht stimmt, hat man meist auch damit Recht.
Außerdem ist es unglaublich wichtig, sich Hilfe zu holen, wenn es einem schlecht geht.

Ich war selbst monatelang so depressiv, dass ich am liebsten meinem Leben ein Ende gesetzt hätte, aber es geht einem irgendwann immer wieder besser.

Man muss nur anderen die Möglichkeit geben, einen zu unterstützen. Was ich auch wirklich empfehlen kann, ist, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Es hat mir vor allem nach meiner Asperger Diagnose so sehr geholfen von anderen zu hören, wie es ihnen geht. Man fühlt sich dann oft verstanden und nicht mehr so alleine.

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Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist eine bundesweite Initiative, gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit. Wir vertreten Betroffene von psychischen Erkrankungen, Angehörige und Experten. Gemeinsam setzen wir uns für einen offenen Diskurs über psychische Gesundheit ein.
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