Wichtige Notfallnummern und Stellen
sofort Hilfe
zur Übersicht
Studienteilnehmer­*innen gesucht! Gewinne einen von 30 Gutscheinen
Mach mit
zur Umfrage

Tagebuch einer Sehnsucht – Wie ich meine Tochter verlor.

Gastautorin Ina Milert verlor ihre Tochter Lea an den Folgen von Depressionen und Drogensucht. Das Unvorstellbare verarbeitete sie in ihrem Buch „Tagebuch einer Sehnsucht – Wie ich meine Tochter an die Drogen verlor“. Hier erzählt sie Leas Geschichte und wie sie heute mit dem Verlust und dem Schmerz umgehen kann.

Wie fühlt es sich an, süchtig zu sein? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, mit einem süchtigen Menschen zu leben. Und ich weiß, wie es sich anfühlt, den Kampf gegen die Sucht zu verlieren. Meine Tochter Lea starb mit 18 Jahren an den Folgen ihrer Depression und Sucht.

Lea wurde im Mai 1989 geboren. Für ihre Geburtsanzeige wählten wir einen Spruch von Erich Fried: „Glaubst Du, Du bist noch zu klein, um große Fragen zu stellen? Dann kriegen die Großen Dich klein, noch bevor du groß genug bist.“ Wir hofften auf viele große Fragen und wollten ihr nie eine Antwort schuldig bleiben. Und nun stehe ich hier, mit dem Kopf voller Fragen, auf die sie mir keine Antworten mehr geben kann.

Mama, was mache ich, wenn der Lehrer mich etwas fragt, aber ich die Antwort nicht weiß?

Lea hatte die besten Voraussetzungen für ein glückliches Leben. Im Kindergarten hatte sie viele Freund*innen und liebte ihre Zeit mit den Großeltern, die viel mit ihr reisten. Im Sommer 1995 wurde sie eingeschult. Ein Teil des Unterrichts in der Europaschule fand auf Spanisch statt. Das verunsicherte Lea mehr als ich erwartet hatte. „Mama, was mache ich, wenn der Lehrer mich etwas fragt, aber ich die Antwort nicht weiß?“, fragte sie mich schon vor der Einschulung. Sie war beliebt, litt aber auch sehr darunter, wenn ihre Freundschaft abgelehnt wurde. Ich erinnere mich gut an einen Geburtstag, zu dem sie nicht eingeladen war. Von ihrem Taschengeld kaufte sie der Mitschülerin ein kleines Geschenk und übte auswendig, mit welchen Worten sie es überreichen wollte.

Um herauszufinden, was Lea in der Schule hemmte, wurde sie von einem Kinderpsychiater untersucht. Der stellte eine hohe Intelligenz fest und dass sie Ermutigung brauchte. Und die bekam sie – von mir, von ihrem Vater und von ihren Großeltern. Wenig später befand sie selbst, sie wäre nun frech genug.

Drei Jahre später zogen wir um und Lea besuchte eine „normale“ Grundschule. Mit ihren Mitschülerinnen unternahm sie viel, lernte Jazz Dance, ging zum Malkurs und zum Segeln. Und wie alle Mädchen hatte auch Lea ein kleines Geheimnis: Sie wollte berühmt werden. Wir bewarben uns also bei Kinder-Agenturen und tatsächlich wurde sie für verschiedene Kataloge als Model gebucht und bekam sogar eine kleine Filmrolle.

Lea suchte die Antworten auf ihre Fragen nicht mehr bei uns.

Lea hatte, wie wir uns auf der Geburtsanzeige für sie gewünscht hatten, viele Fragen an sich und das Leben. Doch irgendwann suchte Lea die Antworten auf ihre Fragen nicht mehr bei uns, ihren Eltern. Als Teenager änderte sich plötzlich ihr Umgang und damit unsere Beziehung. Konflikte kamen auf: Lea fälschte Unterschriften, schwänzte die Schule und begang Diebstähle. Aus Hilflosigkeit wendete ich mich an das Jugendamt. Doch auch die Familienberaterin konnte Lea nicht erreichen. Und so änderte sich wenig, was sich auch am drastischen Leistungseinbruch in der Schule zeigte.

Natürlich gab es auch immer wieder gute Momente – gemeinsame Essen und gemeinsame Abende zu Hause, aber das Kind, das ich hatte, gab es nicht mehr. Ich dachte an einen schlechten Umgang, an pubertäre Aufmüpfigkeit und Abnabelung, aber als ich mitbekam, dass Lea auch Drogen nahm, war mir klar: „Sie muss raus aus ihrem Umfeld.“

So bat ich Leas Vater, seinen geplanten Umzug zu seiner neuen Familie nach Zypern vorzulegen und Lea dorthin mitzunehmen. Für mich war es eine schlimme Zeit. Ich kam mir vor wie eine Verräterin und sie hat mir furchtbar gefehlt. Während unserer Telefonate haben wir viel geweint und todtraurige Briefe erreichten mich: „Können wir nicht noch mal versuchen, dass ich nach Hause komme? Ich hab Dich sooo lieb. Ich habe hier so viel nachgedacht und gemerkt, dass du vielleicht gar nicht immer was Schlechtes gemacht hast, damit ich mich ärger, sondern damit es für mich gut ist. Und ich hab immer gesagt, dass es bei Dir am schrecklichsten ist, aber da war ich dumm, da wusste ich nicht, was wirklich schrecklich ist. Jetzt weiß ich es und es tut mir sooo leid, wie ich dir gegenüber immer war.“ Und doch wusste ich keine bessere Lösung.

Das ist das einzige, was ich noch will: Drogen, die mich ablenken.

Das Abenteuer Zypern war schneller vorbei als gedacht. Lea zog mit ihrem Vater zurück nach Deutschland. Sie war 14 Jahre alt und die ersten Tagebucheinträge tauchten auf: „Das ist das einzige, was ich noch will: Drogen, die mich ablenken.“ Alle Versprechungen, die sie mir in Zypern machte, waren vergessen. Fast täglich hing Lea kiffend und trinkend mit ihrer Clique im Park und auf dem Spielplatz.

Aber immer wieder kam sie auch zur Besinnung: „Ich hatte heute meinen Wecker mal auf Sechs gestellt, das war besser. Ich war nicht so müde. In Physik habe ich wieder gut mitgearbeitet, finde ich. Nach der Schule hab ich die ganze Zeit Hausaufgaben gemacht und gelernt. Nach dem Essen habe ich mit Nina telefoniert. Voll gut ist, wir beide haben unsere Einstellung zum Leben und so geändert, wollen viel Sport machen, gut in der Schule sein und so. Ich glaub fest daran, dass wir das auch schaffen. Es ist so, als wäre so ein Engel in uns gedrungen und hätte den Teufel verdrängt.“

Doch wenig später beklagte sie wieder, dass ihr Leben keinen Sinn hätte: „Es war so scheiße, ich hab soviel nachgedacht, dass wir alle vergraulen und dass mein Leben keinen Sinn macht. Ich will jetzt wirklich von mir aus aufhören, weil wir damit wirklich nichts anfangen können. Ich brauch etwas, was meinem Leben einen Sinn gibt, dann wird alles besser.“ Einen Sinn suchte Lea bei ihrem Freund Tarek. Eine ungute Beziehung, an der sie aber jahrelang festhielt. „Bin bloß kurz zu Tarek, weil er richtig sauer war. Hab ihn umarmt und geredet. Er ist ausgerastet und hat mir ins Gesicht gespuckt, auf die Brust gehauen und meine Hand umgedreht. Das tat noch am Samstag weh. Er hatte am Donnerstag Ina angerufen und gesagt, dass ich Drogen nehme.“ Gerade 15 Jahre alt kam Lea nach Hause, von ihrem Freund regelrecht verprügelt. Bei der rechtsmedizinischen Untersuchungsstelle für Opfer von Gewalt schwieg sie und äußerte sich nicht, wie sie verletzt wurde und wer es getan hatte. Und immer wieder ging sie zurück zu ihrem Freund Tarek, blieb über Nacht, bis ich sie eines Tages das erste Mal vermisst meldete, da sie nicht mehr in der Schule auftauchte.

Wie sollte ich mich da verhalten? Ich wollte sie beschützen, konnte aber nichts tun. Ich war an einem Punkt, an dem ich keine Kraft mehr hatte. Das Jugendamt reagierte und Lea wurde Hilfe durch Unterbringung in einer Einrichtung gewahrt. Da war zunächst alles neu und gut, doch Leas Stimmung verschlechterte sich schnell: „Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Ich komm mir so überflüssig vor. Wofür bin ich denn da? Es wird schon wieder alles voll scheiße. Seit Tagen heul ich ständig wieder und mir geht’s scheiße. Ich bin nichts.“ Sie hatte sich so hineingefunden in die Rolle, nichts wert zu sein.

Ich will was, was dem Leben Fülle gibt.

„Ich will, was dem Leben Fülle gibt. Nein, es ist ein falsches Wort: Glücklich sein. Das kann ich nicht“, schrieb Lea in ihr Tagebuch. Und das Glück suchte sie immer mehr bei den Drogen. Vor ihrem 16. Geburtstag lag sie zitternd in meinem Bett und war vollkommen durcheinander. Sie erzählte mir, dass sie Heroin rauchte. Sie war süchtig. Jeder Versuch, von den Drogen loszukommen, scheiterte, wenn es wieder Probleme mit Tarek gab: „Wozu soll ich aufhören? Ich geh nicht in eine Therapie. Ich setz mir Silvester den goldenen Schuss. Dann muss ich den ganzen Scheiß nicht mehr durchmachen.“ Den goldenen Schuss setzte sie sich nicht, aber sie spritzte sich eine Ampulle Insulin. Immer war sie „drauf“.

Doch Lea schaffte es tatsächlich, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Sie besuchte eine Realschule und nach dem Unterricht arbeitete sie im Supermarkt. Unser Leben war fast wieder normal, manchmal sogar schön. Lea schaffte auch den Realschulabschluss, sogar mit guten Noten und konnte auf ein Gymnasium wechseln. Warum sie danach wieder zu den Drogen griff, habe ich damals nicht verstanden. Das Schuljahr begann damit, dass sie heftig zusammengeschlagen wurde. Ich fand später den Notfallbericht auf ihrem Bett, in dem auch vermerkt wurde, dass sie zwei Tage zuvor Heroin gespritzt hatte.

Ich war so enttäuscht und verzweifelt. Gab es keine Lösung? Ich wollte etwas verändern und verbessern! Ich musste etwas tun und vereinbarte einen Termin bei der Drogenberatung, der leider nicht hilfreich war. Den Satz, dass Abhängige erst ganz unten ankommen müssen, bevor sie sich selbst helfen können, hatte ich schon an anderer Stelle gehört. Und auch den Tip, das Kind nicht bei sich wohnen zu lassen, solange es Drogen nimmt, kannte ich auch. Doch geht es Eltern damit wirklich besser? Mir half das nicht, obwohl ich immer wieder versuchte, mich daran zu halten. Die Sorgen blieben und wurden noch größer.

Den ersten von einigen Versuchen zu entgiften, brach Lea ab. Sie schämte sich so für ihr „Drogenproblem“, wie sie es nannte. Jeder Rückfall zog Lea noch mehr runter und sie rief mich an: „Ich will nicht mehr leben, ich bring mich jetzt um.“ Auch die letzte Entgiftung brach sie ab. Sie kam nach Hause und wir versuchten uns an einem gemeinsamen Alltag: Kochen und Grillen im Park, Flohmarkt- und Saunabesuche. Entspannt war sie nicht. Der Kampf gegen den Suchtdruck und das Hoffen auf ein Stück Normalität waren anstrengend, aber sie hatte sich um einen Ausbildungsplatz bemüht. Ergotherapeutin wollte sie werden, um später mit Abhängigen arbeiten zu können. Doch Lea wurde wieder rückfällig. Sie stürzte sich von einer Brücke und starb kurz darauf an ihren schweren Verletzungen. An dem Tag, an dem Lea ihre Ausbildung beginnen sollte, wurde sie beerdigt.

Das Leiden am sinnlosen Leben.

Leas Tod jährt sich im September 2019 zum 12. Mal. 12 Jahre, in denen ich mich jeden Tag mit meinen Schuldgefühlen auseinandersetze. Wie hätte ich die Abhängigkeit und ihren Tod verhindern können?

Das Leiden am sinnlosen Leben – das kenne ich gut. Ein Gefühl, das mir nicht fremd ist. Beim Lesen von Leas Tagebuch wurde mir bewusst, dass dies eindeutig depressive Gedanken waren, die sie dort niedergeschrieben hatte. Warum haben wir das damals nicht gesehen? Sicher ist bei Jugendlichen eine Depression schwerer von „normalem“ pubertären Verhalten abgrenzbar, aber es hätte uns auffallen müssen! Ich aber hatte damals einen Tunnelblick: Ich sah nur die Drogen, nicht aber, dass Drogen- und Alkoholmissbrauch eine Begleiterkrankung von Depressionen ist. Heute weiß ich, dass die Drogen für Lea ein Versuch waren, der Depression, an der 3 bis 10 Prozent der 12- bis 17-Jährigen erkranken, zu entkommen.

Einerseits fühle ich fast Erleichterung, eine Erklärung für den Beginn der Sucht gefunden zu haben, andererseits empfinde ich aber auch Schuld, denn Kinder, deren Eltern an Depressionen leiden, haben ein höheres Risiko, selbst daran zu erkranken. Auch Leas Unsicherheit, ihr Selbstzweifel und ihre Labilität wurden durch ihren Freundeskreis verstärkt.

Auch wenn Leas Leben ein viel zu frühes Ende fand, hoffe ich, dass ihre Geschichte dazu beitragen kann, dass Jugendlichen die Lust auf Drogenkonsum vergeht und Betroffene und ihre Eltern wissen, sie sind nicht allein, es besser machen und mit der richtigen Hilfe schaffen können.

Das Buch „Tagebuch einer Sehnsucht  – Wie ich meine Tochter an die Drogen verlor“ von Ina Milert, 191 Seiten, ist im Hansanord Verlag erschienen.

Hier findest Du Hilfe bei Depression:

Hier findest Du Hilfe bei Alkohol- und Drogenmissbrauch:

  • BZgA-Infotelefon: 02 21 89 20 31 I Montag-Donnerstag 10.00-22.00 Uhr, Freitag-Sonntag 10.00-18.00 Uhr I Beratung zur Suchtvorbeugung, Beratung bei Suchtproblemen, Vermittlung von Suchtberatungsstellen
  • Deutsches Rotes Kreuz: 08000 365 000 I Rund um die Uhr I Krisenintervention, Beratung und Betreuung von Betroffenen und Angehörigen, Vermittlung von Suchtberatungsstellen, stationärer Behandlung und Selbsthilfegruppen https://www.drk.de/hilfe-in-deutschland/gesundheit-und-praevention/suchtberatung/

Hier findest Du Hilfe in Krisensituationen:

  • TelefonSeelsorge: 0800 111 0 111 / 0800 111 0 222 | Rund um die Uhr | Telefonberatung, Mailberatung, Chatberatung, Face-to-Face-Beratung durch ausgebildete Helfer*innen www.telefonseelsorge.de
  • Seelefon: 0180 5 950 951* (14ct/min aus dem dt. Festnetz) / 0228 71 00 24 24 | Mo-Do 10:00-12:00 Uhr & 14:00-20:00 Uhr / Fr 10:00-12.00 Uhr & 14:00-18:00 Uhr | Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK). Bundesweite Information und Hilfe durch Telefon- und Email-Beratung unter seelefon@psychiatrie.de
  • Info-Telefon Depression: 0800 33 44 533 | Mo, Di, Do 13:00-17:00 Uhr / Mi, Fr 08:30-12:30 Uhr | Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Informationen zur Erkrankung Depression für Betroffene, Angehörige, Experten und Interessierte.
  • U25 Deutschland | E-Mail-Beratung für Jugendliche bei Krisen und Suizidgedanken www.u25-deutschland.de
  • Jugend Notmail |Anonyme und kostenlose Onlineberatung für Jugendliche unter 19 Jahren www.jugendnotmail.de
  • Kinder- u. Jugendtelefon (Nummer gegen Kummer): 116 111 | Mo-Sa 14:00-20:00 Uhr
  • Elterntelefon (Nummer gegen Kummer): 0800 1110550 | Mo-Fr 09:00-11:00 Uhr / Di und Do 17:00-19:00 Uhr
  • Bundesweiter ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117 | Rund um die Uhr | Bei Nicht-Notfällen, die ärztlich behandelt werden müssen.
  • Im Notfall rufe bitte die nächste psychiatrische Klinik oder den Rettungsdienst unter der Nr. 112 an!
Folgt uns

Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist eine bundesweite Initiative, gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit. Wir vertreten Betroffene von psychischen Erkrankungen, Angehörige und Experten. Gemeinsam setzen wir uns für einen offenen Diskurs über psychische Gesundheit ein.
Folgt uns

Letzte Artikel von Aktionsbündnis Seelische Gesundheit (Alle anzeigen)