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Mein Weg aus der Diabulimie

Gastautorin Lisa Schütte, Studentin, Erfahren mit Diabetes, Diabulimie und Hochsensibilität, Hundeliebhaberin, Freiluftseele, bloggt über ihren Diabetes-Alltag und den Weg aus der Diabulimie.

Blog: https://lisabetes.de

“Du siehst gar nicht aus als hättest du Diabetes. Du bist ja gar nicht dick!“, oder “hättest du dich mal gesund ernährt“. Solche Sprüche können für einen Menschen mit Typ 1 Diabetes zermürbend sein, besonders, wenn man sie immer und immer wieder hört und sich selbst permanent erklären muss.

Mein Name ist Lisa und ich bin 29 Jahre alt. Seit meinem 10ten Lebensjahr habe ich Typ 1 Diabetes.

Als Kind war ich immer unheimlich schlank und sehr sportlich. Schon damals wollte ich auf keinen Fall so aussehen, wie sich leider heute noch viele Menschen Diabetiker vorstellen. Durch mangelnde Informationen und falsche Berichterstattungen stellen sich die meisten Menschen Diabetiker alt und dick vor. Das stimmt so nicht, besonders nicht bei Typ 1 Diabetes.

Anders als Typ 2 Diabetes ist Typ 1 eine Autoimmunerkrankung. Die Antikörper in meinem Blut richteten sich gegen meinen eigenen Körper und zerstörten die insulinproduzierenden Zellen meiner Bauchspeicheldrüse vollends und unwiderruflich. Da helfen weder Sport noch eine gesunde Ernährung. Es trifft dich oder eben nicht und du kannst gar nichts dagegen tun. Die vielen Vorurteile über Diabetes, die bis heute noch in vielen Köpfen stecken, führten bei mir schon im Kindesalter zu Rebellion.

Ich wollte unbedingt schlank sein und ein anderes Bild von Diabetes in die Welt tragen.

Als ich dann in die Pubertät kam, änderte sich mein Körper radikal – und auch der Diabetes machte mir mehr und mehr Probleme. Durch die Hormone war die Krankheit teilweise unberechenbar. Nachts fielen meine Blutzuckerwerte so stark ab, dass ich mehrmals etwas essen oder trinken musste. Ich nahm zu und zwar enorm. Den Diabetes verfluchte ich deswegen und fing an ihn zu ignorieren. Meinen Körper hasste ich und versteckte ihn. Einige Jahre igelte ich mich ein und aß aus Frust noch mehr.

Irgendwann machte es klick. Ich wollte wieder richtig leben, mich nicht mehr verstecken und mich nicht mehr schämen. Also machte ich Sport und achtete auf meine Ernährung. Ich wollte wieder aussehen wie früher. Zuerst feierte ich zwar Erfolge, aber sehr schnell stagnierte mein Gewicht. Es blieb, wo es war und ich fiel erneut in ein Loch. Da erinnerte ich mich an die Zeit vor meiner Diabetes- Diagnose.

Damals versuchten meine Eltern und ich alles, damit ich zunehme. Und trotzdem wurde mein Gewicht immer weniger. So lange, bis ich weinend vor meinem Essen saß. Das, dachte ich, genau das will ich wieder. Weinen, weil ich zu dünn und nicht zu dick bin.

In meinem Kopf entstand eine unrealistische und idealistische Vorstellung.

Wenn der eigene Körper kein Insulin mehr produziert, kann die Glucose und die Energie aus der Nahrung nicht in die Zellen transportiert werden. Denn das kann nur das Insulin. Der Körper schwemmt alles einfach wieder hinaus. Mit verheerenden Folgen: Man nimmt nicht nur stark an Gewicht ab, auch die Organe und die Nerven leiden. Das Blut wird immer dicker und die Gefäße verstopfen. Das kann zu Erblindung und starken Nervenschäden führen. Die ganze Glukose wird durch den Urin ausgeschieden und läuft durch die Nieren. Die arbeiten so auf Hochtouren, dass sie irgendwann erschöpft aufgeben.

Natürlich kannte ich all die Risiken, aber ich ignorierte sie. Schob sie einfach ganz weit weg, sodass ich nicht mehr darüber nachdenken musste. Ich wollte wieder schlank sein und das zählte mehr. Außerdem würde ich das ja nur solange machen, bis ich mein Wunschgewicht erreicht hätte. Das dachte ich damals. Also verringerte ich mein Insulin immer mehr, bis ich nur noch spritzte, wenn es mir körperlich richtig schlecht ging.

Meine Haare wurden dünn und brüchig, genau wie meine gelbanlaufenden Nägel. Ich bekam Neurodermitis und war permanent müde und aus der Puste. Insulin spritzte ich jedoch nur, wenn es schwer wurde Luft zu bekommen oder ich mich übergeben musste.

Es passierte genau das, was ich wollte: Ich nahm extrem ab und bekam sogar noch Komplimente.

Die ganze Zeit dachte ich, ich hätte alles unter Kontrolle. Bevor etwas Schlimmeres passiert, würde ich einfach Insulin spritzen. Doch so einfach war es dann am Ende nicht. Irgendwann war ich so schwach und geistig benebelt, dass ich nicht mal mehr verstand, dass mein körperlicher Zustand durch Insulin verbessert werden würde.

Eines Morgens wachte ich auf, nachdem ich mich in der Nacht mehrmals übergeben hatte, und fühlte mich sehr schwach. Ich fragte meine beste Freundin, mit der ich damals zusammenwohnte, ob sie mich zum Arzt fahren würde. Doch ich schaffte es nicht einmal bis zur Haustür. Ich bekam keine Luft, dachte ich müsste ersticken. Der erste Krankenwagen unternahm nichts, erzählte mir nur, ich hätte eine Panikattacke und solle mich ausruhen und schlafen legen. Das tat ich.

Gegen 11 Uhr legte ich mich hin – und erwachte erst um 1 Uhr nachts. Ein fremdes Gesicht sah mich an, ich hatte überall Schläuche und Kabel. Ich lag auf der Intensivstation. „Schön, dass du bei uns bist, Lisa. Wir waren uns nicht sicher ob… aber jetzt bist du ja wach und wir kümmern uns gut um dich.“
Ich verstand erst mal gar nichts. Alles was ich dachte war: „Meine Eltern, ich muss sie anrufen!“ Aber sie waren längst informiert und als ich am nächsten Morgen die Augen öffnete, sah ich meine Mutter.

Alles was ich dachte war: „Was habe ich getan?“ Von dem Moment an war mir klar, dass ich so nicht weitermachen konnte.

Nach zwei Wochen Intensivstation durfte ich das Krankenhaus verlassen, unter der Bedingung noch am selben Tag zu einer Diabetologin zu gehen. Wenig später begann ich einen Internetblog und erzählte meine Geschichte. Mich erreichten zahlreiche Nachrichten und ich erkannte, dass ich nicht allein war. Ich lernte auch, dass all das nichts Neues war. Diabulimie nennt sich diese gefährliche Krankheit und das, was ich getan hatte, nämlich das Insulin wegzulassen, um abzunehmen, bezeichnet man als Insulinpurging. Ich musste erkennen, dass unheimlich viele betroffen waren und dass die Krankheit von Ärzten dennoch kaum diagnostiziert wird.

Seitdem habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, über Diabulimie zu schreiben und zu sprechen. Denn nur, weil wir dieses Thema totschweigen, wird es nicht verschwinden.

Und so ganz nebenbei mache ich selbst eine Psychotherapie, sehe meine Diabetologin alle drei Monate und versuche die bösen Gedanken in meinem Kopf unter Kontrolle zu bringen. Denn noch heute, fünf Jahre nach meinem Zusammenbruch ist es immer noch verlockend das Insulin wegzulassen. Es ist ein langer Prozess und ob man jemals wirklich frei von diesen Gedanken sein wird, bezweifle ich. Aber man kann versuchen, mit dieser dunklen Seite zu leben und ihr nicht die Oberhand zu lassen. Letztendlich kann ich heute sogar anderen Betroffenen helfen. Das hilft mir hinter all dem einen Sinn zu finden.

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Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist eine bundesweite Initiative, gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit. Wir vertreten Betroffene von psychischen Erkrankungen, Angehörige und Experten. Gemeinsam setzen wir uns für einen offenen Diskurs über psychische Gesundheit ein.
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