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Ich leide an einer Krankheit – dafür trifft mich keine Schuld!

Jule ist erfahren in Bipolarer Störung, Bulimia nervosa, Angst- und Zwangsstörung, Polytoxikomanie, Borderline.

Webseite: jule-hilft.webnode.com

Instagram: jule_vollfrei

Mein Name ist Jule. Ich bin 25 Jahre alt und studiere Psychologie. Aufgewachsen bin ich in einer suchtkranken und depressiven Familie. Ich war oft auf mich allein gestellt, was einerseits sehr traurig ist, mich aber gelehrt hat, selbstständig zu sein. Meine Eltern stritten früher viel und meine Mutter drohte immer mit Suizid, sodass ich sehr sensibel auf Türknallen und andere laute Geräusche reagierte und immer wieder eine furchtbare Angst durchlebte, wenn sie ein paar Stunden lang, nach der Suizidankündigung, nicht nach Hause kam.

Ich vermute, dass meine Angststörung auf diesen Erlebnissen basiert. Diese Streitereien bekam ich mit als ich ca. 4 Jahre alt war und sie zogen sich bis zum Tod meines Vaters. Da war ich 17.

Aber die Angst veränderte sich. Im Grundschulalter kamen Zwänge hinzu, die mir vermeintliche Sicherheit verschafften. Ich war gedanklich beschäftigt und fühlte mich nach den Zwangshandlungen immer etwas besser. Ich konnte beruhigt einschlafen, wenn mein Zimmer sauber und ordentlich war oder ich am Tag beide Beine beim Treppen laufen gleich belastet hatte (= jedes Bein musste die gleiche Anzahl von Stufen gegangen sein). Alles musste im Gleichgewicht sein, damit es gut ist und mich vor weiterem Unheil beschützte.

Kurz vor der Pubertät bekam ich eine Essstörung. Ich wurde magersüchtig und aß nichts mehr,  weil ich zeigen wollte, dass bei mir etwas nicht stimmte und ich Hilfe benötigte.

Es reagierte aber niemand darauf. Auch meine Lehrer nicht. Innerlich fühlte ich einen starken Druck. Ich fühlte mich wertlos und hatte die ersten Suizidgedanken als ich 14 Jahre alt war. Ich begann mit dem Ritzen und erhoffte mir einen Druckausgleich. Aber auch das hat mein erschüttertes Selbstbild und meine katastrophalen Lebensbedingungen kein bisschen besser gemacht.

Mit meinen Freunden konsumierte ich Alkohol, bis ich schließlich auch davon nicht mehr ablassen konnte. Erst trank ich jedes Wochenende, dann wenige Male unter der Woche. Einige Freunde bemerkten meinen starken Konsum und rieten mir zu Cannabis und Medikamenten. Nach der Realschule wollte ich Abitur machen, schaffte es bis in die 12. Klasse und brach dann ab. Der Dauerkonsum, der Tod meines Vaters und der Nebenjob neben der Schule waren einfach zu viel für mich.  Ich fühlte mich immer noch schlecht, war mittlerweile bulimisch und hatte keine Lust mehr zu leben. Alles war einfach scheiße.

Ich kam nicht mehr zurecht und hatte keine Ahnung, wo ich mir Hilfe holen könnte und ob mir überhaupt geholfen werden kann.

Irgendwann ging ich dann mit meiner ehemaligen Lehrerin zur Suchtberatung und von da aus durfte ich am nächsten Tag direkt in die Entgiftung. Zu dem Zeitpunkt war ich 19 Jahre alt und dieser Schritt, sich Hilfe zu holen und mit Profis zu sprechen, war genau der Schritt, der alles verändert hat. Ich bin noch heute sehr dankbar, dass mich meine ehemalige Lehrerin dazu bewogen hat und mit mir mitgegangen ist.

Ich fühlte mich wie ein hoffnungsloser Fall und deswegen war mir klar, dass ich aus meinem Umfeld raus muss. Dort, wo ich krank geworden bin, hätte ich nicht genesen können. Ich entschloss mich zu einer Therapie weit weg von der Heimat und danach wollte ich unbedingt auch weit wegziehen und irgendwo neu beginnen.

In der Therapie lernte ich schnell, dass man sich oft überwinden muss, um weiter voran zu kommen. Anfangs stagnierte ich und dachte, die Therapeuten müssen mich „heil“ machen. Dann bemerkte ich, dass sie nur mit dem arbeiten können, was ich ihnen gebe und dafür musste ich mich öffnen. Je offener ich also wurde, desto intensiver war die Therapie.

Die damalige Langzeittherapie von 5 Monaten rettete mir mein Leben. Ich bin immer noch zutiefst dankbar für diese Zeit und die Veränderungen, die ich dort erleben durfte.

Seit 2013 lebe ich abstinent von Alkohol, Drogen und Medikamenten. Ich nahm mein Leben in die Hand, wechselte meinen Wohnort und begann von vorn und startete auch das Abitur erneut. Phasenweise ging es mir richtig gut, aber zwischendurch kamen auch immer wieder depressive Episoden, die zum Teil mit suizidalen Gedanken einhergingen.

2016 machte ich eine Traumatherapie, die mir aber leider recht wenig weiterhalf. Ich öffnete mich zwar, aber hatte das Gefühl, dass mir nicht geholfen werden konnte. Den Therapeuten schien mein Verhalten seltsam zu sein und ich bekam die Verdachtsdiagnose „Asperger Autismus“, welche ich nach der Therapie noch abklären lassen sollte. In der Traumatherapie wollte ich eigentlich meine Traumata angehen und bearbeiten, aber wir behoben quasi nur die Symptome. Am Anfang ist das auch sehr sinnvoll, nur hatte ich schon Erfahrungen mit dem Beheben der Symptome und wusste, dass die Konfrontation genau das ist, was ich brauche.

Die Therapie dauerte nur 6 Wochen und ich suchte im Anschluss eine bekannte Traumatherapeutin auf, der ich von der Therapie und meinem Leiden berichtete. Sie verstand mich und hielt die Konfrontation auch für sinnvoll, sodass wir diese in Angriff nahmen. Die Traumakonfrontation dauerte insgesamt 2 Stunden und diese waren für mich viel heilsamer und wertvoller als die komplette vorangegangene Traumatherapie.

Es war schmerzhaft, aber es half mir sehr und seitdem hat sich meine Symptomatik von 100% auf 10% gemildert.

Ein bisschen bleibt wohl immer, aber damit kann ich ganz gut leben. Die Zeit nach der Therapie verlief ganz gut. Ich bereitete mich auf meine Abiprüfungen vor, war kreativ und freute mich meines Lebens. Nur kurz vor den Prüfungen verlor ich meine Konzentration. Ich lernte viel zu wenig, war ständig abgelenkt und wenn ich an den Sachen saß, dann konnte ich mich einfach nicht konzentrieren. Ich fragte mich, was mit mir los sei und fand einfach keine Antwort. Ich war froh als ich die Prüfungen hinter mir hatte.

Meine Stimmung wurde sehr euphorisch. Ich war aufgedreht, freute mich meiner freien Zeit und wollte noch viel machen und erleben. Ich war kreativ, malte und handwerkte viel. Ich schlief für 2 Monate nur noch 2 Stunden pro Nacht und es reichte mir. Mir ging es ziemlich gut. Ich kaufte viel ein und war überzeugt davon, dass ich es brauche und verlor leicht den Überblick über meine Finanzen.
Als mein Studium im Herbst begann, war ich wieder etwas ruhiger und freute mich auf alles Neue. Gleichzeitig war es auch sehr anstrengend und ich war oft erschöpft. Hinzu kam, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich die Vorlesungen verbringen sollte. Mitschreiben am Laptop oder mit Stift und Block oder gar nicht und nur zuhören? Ich probierte einige Techniken aus. So richtig zufrieden bin ich immer noch nicht, weil ich nicht weiß, ob es was bringt.

Ende des ersten Semesters stand wieder eine Therapie an. Diesmal ging ich meine Essstörung (Bulimia nervosa) an.

Ich war etwas enttäuscht von mir wieder eine Therapie zu benötigen und erzählte aus Scham meinen Freunden in der Uni auch nichts. Erst im neuen Semester traute ich mich, darüber zu berichten und stieß auf vollstes Verständnis. Eine Kommilitonin sagte: „Wenn wir das nicht verstehen, wer denn dann?“.

Ich fühlte mich besser und im darauffolgenden Sommer überkam mich erneut eine euphorische Phase, ohne, dass ich sie hätte einordnen können. Im Mai überlegte ich mir eines Freitagabends, dass es doch ziemlich cool wäre, wenn ich ein Quad besäße. Zwei Tage später besaß ich tatsächlich eins und wurde damit leider ziemlich übers Ohr gehauen. Ich wollte ein Langstreckenquad und mir wurde das als ein solches verkauft, aber ich hatte nach 30km bereits einen Motorschaden und auch nach der Reparatur machte es Probleme.

Nach Androhung mit Anwälten klärten der Verkäufer und ich das Ganze dann doch außergerichtlich und er nahm es für einen billigeren Preis zurück. Dadurch habe ich insgesamt 600€ Minus gemacht. Das war ziemlich blöd. Dann fuhr ich seit Jahren das erste Mal in den Urlaub und auch das war sehr teuer. Ich war überdreht, wollte alles machen und schlief wieder monatelang nur wenige Stunden pro Nacht.

Im Sommer standen aber auch Klausuren an, für die ich hätte lernen müssen. Dafür war kaum Zeit und wieder mal null Konzentration.

Ich lernte 2 Semester in 2 Tagen und schrieb die Klausuren. Ich bestand die Klausuren nur mit 2 oder 4. Das war sehr frustrierend, weil Psychologie ein Fach ist, bei dem man jede Klausur mit 1,7 mindestens bestehen muss, um später einen Masterplatz bekommen zu können. Für mich hieß das dann also, dass ich jede Klausur nochmal schreiben muss. Mein Selbstwertgefühl war im Keller und dann begann bald auch schon das neue Wintersemester. In diesem hatte ich viele Vorlesungen und bemühte mich, unter der Woche zu lernen und versuchte alle Lerntipps umzusetzen, die ich bekommen hatte. Meine Nachbarin schenkte mir Bücher zum Thema Konzentration und Lernen und ich suchte nach neuen Tipps und Tricks. Doch auch das half nicht.

Für die Uni gab ich meine Hobbies auf und fokussierte mich nur noch auf das, was ich zu tun hatte. Es dauerte nicht lange, bis ich in eine schwere Depression verfiel. Mir ging es so schlecht, dass ich wieder nur noch ans Sterben dachte und auch eine Tablettenüberdosis nahm. Mein Leben schien keinen Sinn zu haben. Die Uni ist zu stressig, ich schreibe schlechte Noten und kann an mir und der Situation nichts verändern. So dachte ich jedenfalls. Alles schien keinen Sinn zu machen und meine Existenz schien mir überflüssig.

An dem Tag, an dem ich eine Tablettenüberdosis nahm, hatte ich nachmittags einen Termin mit meiner Betreuerin, den ich aber absagte. Sie war skeptisch und rief mich an. Am Telefon lallte ich und ich erzählte ihr von der Medikamenteneinnahme, sodass sie den Krankenwagen rief. Ich bekam heftige Krampfanfälle und verlor zum Teil das Bewusstsein und erlitt auch einen Herzstillstand. Ich lag auf der Intensivstation und wusste immer noch nicht weiter. Leider war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich wieder mal keinen Ausweg sah.

Ich schrieb ein kleines Buch über das Leben mit Depression und Suizidalität. Es heißt „Heute will ich nur ein bisschen sterben“.

Woher ich die Kraft nahm, um dieses Buch zu schreiben, weiß ich bis heute immer noch nicht. Im Dezember begann die Depression und Ende Dezember war ich auf einmal sehr euphorisch, schrieb das Buch und schlief wieder mal nur 2 Stunden die Nacht. Irgendwas stimmte nicht.

Ich bemühe mich sehr, gesund zu sein und klar zu kommen, aber dann gerate ich letztendlich doch an meine Grenzen und die Krankheit scheint stärker zu sein. Depression soll doch gut heilbar sein. Wieso bekomme ich die Sucht, die Essstörung und die Traumata in den Griff, aber so eine kleine doofe Depression, die von allen Krankheitsbildern, die besten Heilungschancen hat, nicht?!

Mitte Januar durfte ich in die Tagesklinik einer Psychiatrie gehen und es dauerte nur wenige Tage bis mir die Diagnose „Bipolare Störung“ gestellt wurde. Daran hatte ich selbst nie gedacht, weil ich die manischen oder hypomanen Phasen nicht als krank einschätzte. Jetzt war mir aber klar, was nicht stimmte und plötzlich ergab alles einen Sinn. Mein Verhalten, meine Gefühle und mein kompletter Lebenslauf. Was ich immer noch lernen muss, ist, dass ich nichts dafür kann. Ich habe Schuldgefühle und hoffe immer noch, dass ich die Phasen kontrollieren kann.

Ich frage mich auch, wie mein Leben weitergehen soll. Wie soll ich das alles in den Griff bekommen?

Ich habe die Diagnose erst einen Monat. Es ist also bisher erst wenig Zeit vergangen und ich habe noch viel Zeit vor mir, um zu schauen, wie ich mit der Diagnose und den neuen Medikamenten ein neues und gutes Leben führen kann. Ich habe eine Freundin, die auch bipolar ist und ein sehr gutes Leben führt. Sie hatte mit 18 eine Manie, dann mit 28 nochmal, weil sie ihre Medikamente wegen der Schwangerschaft absetzte und ist mittlerweile 34. Hin und wieder hat sie minimal depressive Symptome, aber sie hat ihr Leben im Griff und kommt gut zurecht. Hier in der Klinik gibt es recht viele bipolare Patienten und der Austausch tut gut.

Mir hat das Ganze gezeigt, dass es sich immer lohnt, Hilfe zu holen. Manchmal dauert es nur bis man die richtige Hilfe/ Stelle gefunden hat. Ich dachte immer, ich sei ein hoffnungsloser Fall, aber selbst ich habe einiges geschafft und wenn ich es schaffe, dann schaffen es auch andere!

Das wichtige ist, an sich zu glauben und wenn man das nicht kann, dann gibt es vielleicht liebe Mitmenschen, die das tun und das kann auch schon helfen.

Was ich aber vor allem in der ganzen Zeit gelernt habe, ist, wie wichtig Veränderungen sind. Wenn man unglücklich ist und es einem nicht gut geht, dann hilft nur eine Veränderung, damit es sich verändert und besser werden kann. Manchmal reichen auch schon kleinere Veränderungen und manchmal bedarf es einer großen, radikalen Veränderung.

Das allerwichtigste für mich ist, dass ich mich keine Schuld betrifft. Es ist eine Krankheit, für die ich nichts kann. Ich kann aber versuchen das Beste daraus zu machen und mich für alles zu wappnen.

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Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist eine bundesweite Initiative, gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit. Wir vertreten Betroffene von psychischen Erkrankungen, Angehörige und Experten. Gemeinsam setzen wir uns für einen offenen Diskurs über psychische Gesundheit ein.
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