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Du hast Borderline? Hätte ich gar nicht gedacht!

Gastautorin Sammy Fröbel, betreibt die Mental Health Blogplattform Candy Wasteland, erfahren in Borderline Persönlichkeitsstörung, Depressionen und Angststörungen.

https://candywasteland.com/
candywasteland@gmail.com

Hej, ich bin Sammy und ich habe Borderline, Depressionen und eine Angststörung. Ein Satz, den ich vor Jahren niemandem gesagt hätte. Doch heute tue ich das regelmäßig, sogar im Internet und zu fremden Menschen.

Es kostet auf jeden Fall Überwindung, jedoch ist es wichtig die Wahrheit auszusprechen.

Doch fangen wir mal von vorne an: Ich bin Sammy, offiziell Samantha doch diesen Namen verwendet niemand, nicht mal meine Mutti. Ich bin 23 Jahre alt und Studentin der Germanistik & Kulturwissenschaften, jedoch bin ich gerade in einem Wechsel meines Ausbildungsweges. Nebenbei schreibe ich für das Musikmagazin Sludge Worm, sowie andere Zines in der Richtung und führe eine Blog-Plattform zum Thema mentale Erkrankungen.

Meine Geschichte beginnt in meiner Kindheit – ich war schon immer sehr still und zurückhaltend. Mit anderen Kindern wollte ich nie etwas zu tun haben und war eher der klassische Eigenbrötler. Das machte mir an sich nichts aus, da ich mich lieber mit mir selber beschäftigte und meine Ruhe haben wollte.

Jedoch wurde genau dieses Verhalten in der Grundschulzeit der Auslöser für Mobbing. Dies wurde von da an ein prägender Teil meines Daseins.

Mein Selbstbewusstsein hat deshalb einen gehörigen Knacks bekommen, alles was ich tue, trage, sage & mache muss ich mehrmals überdenken, um niemandem einen Grund zur Belustigung zu geben. Zudem war ich immer schon sehr launisch, meine Emotionen konnten rasend schnell schwanken – mein Papa hat mir mal das Buch “Prinzessin Himmelhochjauchzendzutodebetrübt” geschenkt, mit den Worten, dass ich das sei. Und es stimmt zu 100 Prozent, im Nachhinein bestätigt dies nur meine Diagnose, die ich gute 16 Jahre später bekam. Jedoch zeigt es mir, dass die Borderline-Persönlichkeitsstörung schon immer ein Teil von mir war.

Die erste diagnostizierte Erkrankung war bei mir die Depression. Den Auslöser dafür gab der Unfalltod meines Papas als ich 14 Jahre alt war.

Von heute auf morgen war alles anders, eine wichtige Bezugsperson fehlte in meinem Leben und auch dem meiner Familie. Ich verlor mich in meiner Trauer und zog mich komplett zurück, ich hatte das Gefühl dieser Schmerz und diese Angst wieder jemanden zu verlieren würde niemals enden. Ich wurde schwer depressiv, begann mich selbst zu verletzen und schottete mich komplett ab. Niemand kam an mich heran, meine Familie hatte selbst mit ihrer eigenen Trauer zu kämpfen, weshalb es auch lange unbemerkt blieb und als “normales” Verhalten unter diesen Umständen eingestuft wurde.

Ich besuchte in dieser Zeit ein paar freiwillige Therapien zum Thema Trauerbewältigung, jedoch wurde dort nicht direkt auf mich eingegangen. Trotz allem war es ein wichtiger Schritt mir Hilfe zu suchen.

Ich musste mir eingestehen, dass ich alleine mit diesen Gefühlen nicht fertig wurde und Hilfe von Außen brauchte.

Wenig später hatte ich meine erste richtige Beziehung, die sechs Jahre hielt. Ich war emotional nicht in der Lage richtig und falsch zu unterscheiden und merkte schnell meine Borderline-Züge in der Partnerschaft. Ich klammerte mich an einen Partner, der mir emotional nicht helfen konnte und mich auf Grund dessen manipulierte. Ich war abhängig von dieser Person und schottete mich von allen anderen Menschen in meinem Leben ab. In dieser Zeit hatte ich keine Therapie oder medikamentöse Unterstützung, da ich dachte, dass alles schon irgendwie gut ist.

Vor drei Jahren tat ich den ersten Schritt in meine Unabhängigkeit und die damit verbundene Verbesserung meiner Gesundheit – ich ging für ein halbes Jahr nach Dortmund und begann dort ein Praktikum in meinem Traumjob. Ich war selbstständig in einer unbekannten Stadt, fand dort Freunde und fühlte mich das erste Mal in meinem Leben wohl mit mir selbst.

Natürlich war diese Zeit gespickt von Panikattacken, Angstzuständen und depressiven Episoden, doch ich schaffte es, da mein Umfeld stimmte.

In der Zeit beschloss ich mich von meinem Partner zu trennen und fand kurze Zeit später meinen jetzigen Freund, der eine unglaubliche Hilfe für mich darstellt. Ich zog von Dortmund nach Leipzig und begann hier mein Studium. Ich lebte in einer Stadt, in der ich mich wohl fühlte, hatte einen tollen und unterstützenden Freundeskreis, eigentlich war alles perfekt. Doch genau dann kam der größte Tiefpunkt seit 2009, ich konnte nicht mehr das Haus verlassen, ich vergrub mich tagelang unter meiner Bettdecke und der Gedanke einkaufen zu gehen löste sofort Panikattacken aus.

Nun war ich an dem Punkt angekommen, an dem mir jegliche Lebensqualität verloren ging. Ich konnte nicht mehr mit Freunden etwas unternehmen, geschweige denn mein Leben führen. Ich wusste, dass ich da niemals alleine wieder rauskommen würde, also war es Zeit, sich einen Therapeuten zu suchen. Nach einer langen Wartezeit fand ich endlich jemanden und wurde auch medikamentös eingestellt. Dank Gesprächen und den Antidepressiva bekam ich nach und nach wieder mein Leben unter Kontrolle.

Zu dieser Zeit bekam ich auch die Borderline-Diagnose, die mir viele meiner Züge und Handlungen erklären konnte. Im Nachhinein konnte ich so viele Sachen darauf zurückführen und konnte ab dem Punkt anfangen mit mir selbst auf einer neuen Ebene klarzukommen.

Im ersten Moment war ich aber ehrlich gesagt ziemlich geschockt, da ich niemand bin, der Tische umwirft oder Leute anschreit, wie man das so aus dem Fernsehen kennt.

Nachdem ich mich lange und intensiv darüber informiert hatte, konnte ich mich dann schon besser mit der Diagnose identifizieren. Ich bin ein ruhiger Borderliner, das heißt ich wende jegliche Aggressionen oder Wut gegen mich selber und trage diese Kämpfe mit mir selbst hinter geschlossener Tür aus. Ich bin aber auch sehr launisch, was man mir auch anmerkt, wenn man länger mit mir zu tun hat. Innerhalb von Minuten kann ich von super happy auf stinksauer auf alles und jeden umschalten. Leidtragende des Ganzen bin aber immer ich selber.

Natürlich ist mein Leben nun durch die Therapie und Medikamente nicht perfekt, aber es ist dadurch viel lebenswerter geworden. Ich kann meinen Alltag wieder bewältigen, kann zu Konzerten gehen und Reisen, was vorher Utopie für mich war.

Mir hat es am meisten geholfen, mit meinen Erkrankungen Frieden zu schließen, sie gehören zu mir, genauso wie meine Arme & Beine. Sie sind ein Teil von mir, sie machen mich zu dem, was ich bin und ich muss sie nicht mehr bekämpfen. Nur einen gesunden Weg finden, damit zu leben. Es ist nie falsch nach Hilfe zu fragen, egal wen. Sei es ein Freund, ein Verwandter oder ein Arzt.

Das Wichtigste, was ich gelernt habe, ist Offenheit. Sei offen und sage, dass du ein Problem hast, die Reaktionen sind meist ganz anders als erwartet und du bist nie alleine.

Es gibt alleine in Deutschland so viele Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden und zusammen sind wir stark. Gerade Gespräche und der Austausch mit anderen haben mir extrem geholfen, mit mir selber klarzukommen. Aus diesem Grund habe ich die Blogplattform gegründet, um einen Platz zu bieten, an dem sich Menschen mit Erkrankungen, Angehörige und Interessierte austauschen können.

Ich hoffe meine Story konnte dem einen oder anderen Mut geben, sich zu öffnen und sich zu akzeptieren. Denn wir sind alle gut so, wie wir sind, nur manche von uns brauchen ein bisschen mehr Unterstützung und Hilfe.

Wenn ihr mehr über mich oder meine Plattform wissen möchtet, könnt ihr gerne auf www.candywasteland.com vorbeischauen.

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Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist eine bundesweite Anti-Stigma-Initiative. Wir setzen uns für die Förderung der seelischen Gesundheit und für einen offenen und toleranten Umgang mit Menschen mit psychischen Erkrankungen ein. Dazu arbeiten wir in einem großen Netzwerk zusammen: Über 100 Mitgliedsorganisationen wie Selbsthilfeverbände der Betroffenen und Angehörigen von Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie Verbände aus den Bereichen Psychiatrie, Gesundheitsförderung und Politik haben sich der Initiative angeschlossen. Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist in Trägerschaft der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. und wird vom Bundesministerium für Gesundheit durch Projektförderung unterstützt.
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