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Auf ein Tief kommt ein Hoch. Es ist ein Naturgesetz.

Gastautorin Sophia M., Studentin und Youtuberin, erfahren in Angststörung, Borderline, Bipolarer Störung und Essstörungen

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https://www.youtube.com/watch?v=mG7B5azlXBE&t=1181s
https://www.youtube.com/watch?v=kwOnCLjA6fI
https://www.youtube.com/watch?v=No1E5ZEPtdk

Mein Lebensabschnitt, in dem sich meine Geschichte abspielt, beginnt mit ca. 12 Jahren. Schon davor habe ich eine Reihe von psychischen Auffälligkeiten im Zusammenhang mit der problematischen Erziehung seitens meiner Mutter gezeigt. Gerade deswegen bin ich zur siebten Klasse zu meinem Vater gezogen. Dort hat sich einiges gebessert, jedoch war der Weg zum weiteren Verlauf meiner Geschichte schon sehr breitgetreten.

Mit 13 Jahren begann ich mich selbst zu verletzen. Es hat angefangen wie ein Reflex, eine Art natürlicher Impuls. Ich wusste bis dato nichts von „Ritzen“ oder „Depressionen“

Ich griff in gegebenen Situationen ganz selbstverständlich zu meinem Zirkel, den man in diesem Alter noch in der Schule benötigte, und kratzte mir den Arm auf. Dies ging eine Weile so, bis ich zu Messern und schließlich Rasierklingen wechselte.

Mir war bewusst, dass das nicht ganz normal sein kann, habe mir jedoch nichts dabei gedacht. “Ich habe das schon unter Kontrolle.“ Ein Satz der meist nichts anderes ist, als sich selbst zu belügen. Als ich mit 14 meinen ersten Computer bekam, von selbstverletzendem Verhalten hörte und somit wusste, dass es mehr Menschen gab, die das tun, fiel ich relativ schnell der tumblr „depression culture“ zum Opfer.

Als junger Mensch ist man sehr anfällig auf soziale Gruppen, die eine bestimmte Sache verkörpern und der man zugehörig sein möchte.

Somit wurde ich durch die philosophischen Sprüche und Bilder über das Ritzen immer tiefer in das Loch hineingezogen. Dass ich schon damals ein sehr melancholischer Mensch war, dem das Gefühl der Trauer eine Art Sicherheit gab, war sehr nachteilhaft.

Mit der Zeit begannen die Gedanken daran, was wäre, wenn ich nicht mehr wäre. Diese waren zunächst meine Überlegungen bis sie schließlich mir überlegen waren. Sie hatten sich verselbständigt und schwirrten in meinem Kopf herum, ob ich wollte oder nicht. Das Schneiden wurde immer häufiger. Am 12.12.13 wurde ich schließlich wegen eines Suizidversuches in die Kinder- und Jugendpsychiatrie Hirsau eingeliefert. Ich war damals gerade 15 geworden.

Die Zeit in der Klinik war für mich einerseits sehr hart, andererseits hat es mir deutlich weitergeholfen. Das Personal war teils sehr inkompetent und unpädagogisch in seinen Verhaltensweisen, wie ich nun nach knapp 5 Jahren Reflexion feststellen musste. Der Tagesplan bestand aus viel Überwachung und wenig Therapie.

Trotz allem hat es mich aus dem tiefsten Loch herausgeholt und ich konnte mich nach der Entlassung von meinem 2-monatigen Aufenthalt auf meine Heilung konzentrieren.

Sehr geholfen hat es, mit anderen Betroffenen zu reden. Leute in deinem Alter, denen es ähnlich geht wie dir. Reale Menschen die sich nicht hinter Pseudonymen auf tumblr verstecken.

Die ambulante Therapie hat mich sehr weitergebracht. Bis vor einem Jahr war ich relativ regelmäßig bei meiner Therapeutin, die mir in unseren Gesprächen zwar nie direkte Ratschläge oder Anweisungen gegeben, aber mir immer eine andere Perspektive auf die Dinge vermittelt hat.

Man denkt immer, dass „darüber reden“ nichts bringt, da es das Problem nicht verschwinden lässt. Es ändert aber deine Sicht und deine Einstellung zum Problem. Und das ist von enormem Wert.

Psychische Krankheiten sind stetige Begleiter, zumindest in meinem Fall. Borderline ist offiziell nicht heilbar, aber therapierbar. Mittlerweile stehe ich kurz vor dem Ende meines zweiten Semesters an der Universität der Künste. Bald steht mein zwanzigster Geburtstag an.

Hätte man mich damals gefragt, wäre ich mir sicher gewesen, dass ich mein restliches Leben in dem Zustand, in dem ich damals war, verbringen müsste.

Und jetzt bin ich hier. Ich bin seit einem knappen Jahr nicht mehr in Therapie, habe zwar schlechte Phasen aber alles in allem komme ich klar.

Ich kann mir mittlerweile nur noch schlecht vorstellen, tatsächlich einmal den Tod gewollt zu haben. Ich bin sehr dankbar, dass alles so verlaufen ist, wie es war und ich am Leben bin.

Egal wie ausweglos alles erscheint, an einem Punkt in deinem Leben wird dir dieser Abschnitt schemenhaft vorkommen und du wirst dich kaum mehr damit identifizieren können. Einfach weil es besser wird. Es muss. Auf ein Tief kommt ein Hoch. Es ist ein Naturgesetz.

Ich würde jedem, der sich in einer ähnlichen Situation wie ich wiederfindet, raten, sich Hilfe zu suchen. Sei dies bei Freunden, Familie, Lehrer oder einem Arzt. Auch wenn es nicht so scheint, es gibt Menschen, die für einen da sein wollen.

Ich habe den großen Fehler gemacht, mit keinem zu sprechen und mir meine Probleme nicht wirklich eingestehen zu wollen. Ich wurde in die Psychiatrie zwangseingewiesen.

Bevor das passiert, würde ich jedem raten offen zu sein, stark zu sein und den Mund aufzumachen. Sich selbst einzugestehen, dass man ein Problem hat, ist hierbei sehr schwierig. Essentiell ist, sich nicht zurückzuziehen, wie ich es getan habe und sich psychisch wie physisch abzuschotten. Alleine sein ist ein wichtiger Bestandteil menschlichen Daseins, sollte aber nicht zur Regel werden.

Der Glaube bzw. die Überzeugung, dass es besser werden kann, ist wichtig. Denn es ist die Wahrheit. Es wird vielleicht nicht auf Anhieb besser, aber irgendwann wird es das. Ganz sicher.

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Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist eine bundesweite Initiative, gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit. Wir vertreten Betroffene von psychischen Erkrankungen, Angehörige und Experten. Gemeinsam setzen wir uns für einen offenen Diskurs über psychische Gesundheit ein.
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