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Angststörungen – Wenn Angst krank macht

Die Hände schwitzen und das Herz fängt an zu rasen. Man bekommt es mit der Angst zu tun. Wer kennt dieses Gefühl nicht? Im Alltag dient Angst als wichtiges Signal, um Gefahren wahrzunehmen und darauf angemessen schnell zu reagieren. Krankhaft werden Ängste erst dann, wenn sie übermäßig auftreten und ohne eine vorausgehende Gefahr. Dann spricht man von einer Angststörung. In diesem Artikel erfährst Du Grundlegendes über Angsterkrankungen und wie man sie erkennt. Was sind typische Symptome? Welche Therapien werden häufig angewandt? Und was kannst Du tun, wenn jemand in Deinem Umfeld betroffen ist?

Was ist Angst?

Es gibt keinen Menschen, der frei von Angst ist. Angst dient als wichtiges inneres Signal, z.B. wenn wir auf der Straße einem Auto ausweichen, in einer dunklen Gegend schneller gehen, uns auf einem steilen Weg am Geländer festhalten, bei einer Lungenentzündung beschließen, Antibiotika schlucken oder nachts die Haustür abschließen. Ohne dass es uns immer bewusst ist, führt uns die Angst durch Gefahrensituationen und hilft uns, diese zu meistern. Angst zu empfinden ist auch eine Grundlage für Empathie, die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen.

„Ohne Angst sind wir nicht menschlich, ohne Angst können wir nicht in die Tiefe gehen. Ohne Angst können wir das Leben nicht richtig wahrnehmen und richtig leben, weil wir die Orientierung mit der Zeit verlieren. Ohne die Angst können wir die anderen Menschen nicht wirklich verstehen, Angst hat auch sehr viel mit Empathiefähigkeit zu tun. Das heißt, ohne sie können wir auch keine tieferen Beziehungen zu anderen herstellen. Ohne Angst wären wir verloren!“ Egon Fabian, Psychotherapeut, Autor: Anatomie der Angst

Wie viel Angst ist normal?

Das Gefühl von Angst, auch in größerem Ausmaß, kennt jeder. Wer sich vor großen Spinnen ekelt oder Angst vor einem ersten Date hat, hat deshalb noch keine Angststörung. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass Deine Angst ein ungesundes Ausmaß angenommen hat.

  • Du denkst mehr als die Hälfte des Tages über Deine Ängste nach und machst Dir Sorgen. Dieses Ausmaß an Angst betrifft einen längeren Zeitraum, mindestens 6 Monate. Die Angst beherrscht Deine Gefühle und Deinen Alltag.
  • Panikattacken treten auf, Du kannst den Ausbruch nicht kontrollieren.
  • Deine Angst ist unangemessen intensiv. Du bekommst z.B. beim Anblick einer Spinne Schweißausbrüche oder in der U-Bahn Herzrasen. Dies kann sich bis hin zu Panikattacken steigern.
  • Du fühlst Dich mit deiner Angst verzweifelt, hilflos und allein.
  • Es kommt zu Vermeidungsverhalten. Aus Angst vor der Angst vermeidest Du Orte und Situationen, die bei Dir Furcht auslösen. Du ziehst Dich mehr und mehr zurück, wagst Dich im Extremfall nicht mehr aus dem Haus.
  • Wegen Deiner Ängste ist Deine Partnerschaft oder Deine Arbeit ernsthaft in Gefahr.
  • Du bekämpfst Deine Ängste mit Alkohol, Beruhigungstabletten oder anderen Drogen.
  • Du fühlst Dich wegen Deiner Ängste depressiv und denkst an Suizid.

Es müssen nicht alle Anzeichen gleichzeitig zutreffen.

Wie häufig kommen Angsterkrankungen vor?

Angststörungen zählen neben Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Etwa jede*r Vierte ist betroffen. Allein in Europa leiden rund 60 Millionen Menschen daran, ungefähr zwölf Millionen sind es in Deutschland. Frauen sind deutlich mehr betroffen als Männer.*

Welche Angsterkrankungen gibt es?

Angsterkrankungen können sich ganz unterschiedlich zeigen. Manche Menschen haben Angst vor bestimmten Dingen oder Situationen, z.B. vor Spinnen oder Fliegen (so genannte Phobien). Andere Menschen haben Angstzustände und Panikattacken, die völlig aus dem Nichts auftreten und nicht kontrollierbar sind. Die Angstgefühle können sich aber auch auf sämtliche Lebensbereiche ausdehnen, dann spricht man von einer generalisierten Angststörung. Gerade bei dieser Form ist der Lebensalltag für die Betroffenen erheblich eingeschränkt, weil sie fast alle Ereignisse als Bedrohung empfinden.

Hier haben wir für Dich die wichtigsten Formen der Angsterkrankung beschrieben:

Panikstörung

Bei der Panikstörung kommt es zu wiederkehrenden schweren Panikattacken mit heftigen körperlichen und psychischen Symptomen. Diese Symptome können sein:

  • Atemnot
  • Benommenheit
  • Gefühl der Unsicherheit, Gefühl in Ohnmacht zu fallen, weiche Knie, Schwindel
  • Herzklopfen oder unregelmäßiger Herzschlag
  • Zittern oder Beben
  • Schwitzen
  • Erstickungsgefühle, Engegefühl im Hals
  • Übelkeit, Bauchbeschwerden
  • Entfremdungsgefühle (Gefühle der Unwirklichkeit, Gefühle, nicht da zu sein)
  • Hitzewallungen oder Kälteschauer
  • Schmerzen, Druck oder Enge in der Brust
  • Furcht, zu sterben
  • Angst, die Kontrolle zu verlieren
  • Angst, wahnsinnig zu werden
  • Taubheits- oder Kribbelgefühle

Eine Attacke kann wenige Minuten und im Extremfall einige Stunden anhalten – die meisten Panikattacken dauern jedoch nicht länger als 30 Minuten. Die Häufigkeit der Attacken kann zwischen mehrfach täglich bis monatlich schwanken. Die Betroffenen leben manchmal in ständiger Angst vor der nächsten Attacke. Nicht selten suchen sie Hilfe in der Notfallambulanz eines Krankenhauses oder gehen von Arzt zu Arzt, weil sie Angst haben, an einer lebensbedrohlichen Erkrankung zu leiden.

Generalisierte Angststörung

Menschen mit einer Generalisierten Angststörung leiden unter dem permanenten Gefühl von Besorgtheit und Anspannung in Bezug auf den Alltag und Probleme. Dabei beziehen sich die Sorgen auf verschiedene Bereiche, um die sich Menschen ohne generalisierte Angststörung auch Sorgen machen, z.B. die Angst vor Krankheit, Unfällen, zu spät zu kommen oder Arbeiten nicht bewältigen zu können. Bei Menschen mit einer Angststörung sind diese Sorgen jedoch länger als 6 Monate so stark ausgeprägt, dass der Alltag dadurch stark beeinträchtigt ist. Bezeichnend ist häufig auch das konstante Gefühl einer nahenden Katastrophe. Die Sorgen führen dazu, dass die Betroffenen Dinge vermeiden oder aufschieben, wie zum Beispiel Reisen oder berufliche Herausforderungen.

Die ständige Anspannung wirkt sich auch auf den Körper aus. Körperliche Beschwerden gehören daher als Symptome einer Generalisierten Angststörung dazu. Dazu gehören:

  • Ruhelosigkeit
  • Starkes Schwitzen
  • kalte und feuchte Hände
  • Herzrasen
  • Zittern
  • Mundtrockenheit
  • Übelkeit
  • „Kloßgefühl“ im Hals
  • Muskelverspannungen
  • Schlafstörungen
  • Konzentrationsprobleme
  • Schwindel
  • Ggf. Magen- und Darmprobleme

Es können jedoch auch weitere unerklärliche körperliche Leiden auf Angst zurückgeführt werden. Oft werden diese sehr lange nicht in Verbindung mit der Angst gebracht und die oder der Betroffene irren von Artpraxis zu Arztpraxis.

Hier findest Du einen wissenschaftlich fundierten Selbsttest zur Generalisierten Angststörung. https://www.psychenet.de/de/selbsttests/angststoerungen.html

Soziale Angststörung (oder Soziale Phobie)

Die Soziale Angststörung ist eine extreme Form der Schüchternheit. Menschen mit einer Sozialphobie haben in Situationen Angst, in denen sie sich von ihren Mitmenschen kritisch betrachtet oder beobachtet fühlen. Beispiele sind:

  • in einer Situation zu sein, in der alle Blicke auf einen gerichtet sind, z.B. eine Rede halten, ein Gedicht aufsagen oder ein Lied vor anderen singen
  • sich in einer Unterrichtsstunde/einem Seminar melden oder etwas an die Tafel schreiben
  • eine Prüfung ablegen
  • zu einer Behörde oder zu einem Arzt zu gehen
  • mit einem Vorgesetzten sprechen
  • sich in einem Streitgespräch gegenüber anderen durchsetzen
  • in einem Restaurant essen
  • im Beisein anderer Menschen zu telefonieren
  • einen Fremden ansprechen
  • sich zu einer Verabredung treffen
  • einen potentielle*n Partner*in kennen zu lernen

Menschen mit einer Sozialphobie vermeiden deshalb solche Situationen. Wenn sie sich doch in solchen Situationen wiederfinden, leiden sie unter Erröten, Zittern, Angst zu Erbrechen oder Toilettendrang.

Spezifische Phobien

Bei den spezifischen Phobien wird die Furcht durch einzelne Objekte oder Situationen hervorgerufen, die in der Regel ungefährlich oder harmlos sind. Dazu gehört die Furcht vor Tieren (z.B. Hunden, Katzen oder Mäusen), Insekten (wie Wespen oder Spinnen), die Höhenangst sowie die Blut- und Verletzungsphobien (z.B. Angst vor Spritzen). Schon der Gedanke an die entsprechenden Situationen oder Objekte verursacht Angst, die von leichtem Unbehagen bis hin zur panischen Angst reichen kann. Dass anderen Menschen die gleiche Situation nichts ausmacht, lindert die Furcht der Betroffenen nicht. Oft wissen die Patienten, dass sie übertrieben reagieren und schämen sich dafür.

Was sind die Folgen einer unbehandelten Angststörung?

Angststörungen gehen in der Regel nicht von selbst weg und können immer größere Ausmaße annehmen. Es kommt zur „Angst vor der Angst“ (Erwartungsangst). Dann werden Angst-auslösende Orte und Situationen vermieden. Als Folge ziehen sich die Betroffenen immer mehr aus dem Leben zurück. Neben den Ängsten und den körperlichen Symptomen leiden sie unter einem mangelnden Vertrauen in die eigene Stärke und unter dem Gefühl des Ausgeliefertseins. Die Patienten quälen sich außerdem häufig mit Ein- und Durchschlafstörungen. Oftmals haben sie Probleme in der Partnerschaft oder der Familie sowie im Berufsleben. Manchmal wird als falsch verstandener „Selbstbehandlungsversuch“ Alkohol konsumiert, da er kurzfristig die Angst lindern kann. Eine Gefahr liegt auch im Dauergebrauch von Beruhigungsmitteln, die nur für den kurzfristigen Einsatz geeignet sind.

Wie können Angststörungen behandelt werden?

Wichtig zu wissen: Man ist übermäßiger Angst nicht hilflos ausgeliefert. Sich die Angsterkrankung eingestehen, Bücher darüber lesen, sich über Psychotherapiemöglichkeiten informieren, sind entscheidende Schritte, um der Furcht die Macht zu nehmen. Oft kommt die kognitive Verhaltenstherapie zum Einsatz, bei der die*der Patient*in mit den Ängsten konfrontiert wird. Zusätzlich können Sport oder Entspannungsverfahren wie Meditation, Yoga, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Mindful Based Stress Reduction (MBSR) hilfreich sein. Rund 80 bis 90 Prozent der Betroffenen bekommen die krankhafte Angst mit professioneller Hilfe in den Griff. Allgemein gilt wie bei allen Störungen: Je länger eine Angststörung besteht, desto schwieriger ist es, sie zu behandeln.

Was können Freunde oder Angehörige tun?

Menschen mit übermäßigen Ängsten versuchen oft, Auslöser für diese Ängste zu vermeiden. Diese können z.B. auch Beziehungen an sich sein. Betroffene sagen oft aus dem Nicht heraus Verabredungen ab und ziehen sich zurück, da ihnen der Kontakt als zu anstrengend erscheint. Die Ängste können sich jedoch auch auf die Gesundheit und das Leben der Angehörigen beziehen. Betroffene hören dann oft nicht damit auf, sich bei ihren Angehörigen zu versichern, dass es diesen gut geht und nichts passieren wird. Diese übermäßigen Sorgen können sehr belastend sein und es kann zu Konflikten kommen.

Es ist hilfreich, wenn Du als Angehörige*r über Ängste Bescheid weißt. Du solltest vermeiden, die oder den Betroffene*n immer wieder zu beruhigen und ihm Probleme abzunehmen. Dies hilft zwar oft kurzfristig, trägt aber langfristig dazu bei, die Angststörung aufrecht zu halten. Ermutige den oder die Betroffene*n lieber dazu, sich professionelle Hilfe zu holen und Strategien gegen die Angst zu erlernen.

Wichtig ist auch, dass Du Dich selbst nicht einschränken lässt. Du solltest also nicht aus Solidarität auf Aktivitäten verzichten, die Dir Freude bereiten, weil der Betroffene*n sich dann sorgen würde. Hier findest du weitere allgemeine Tipps für Angehörige von Angstpatienten:

http://www.gesundheitswerkstatt.de/gesundheitstipp/angststoerungen/ratschlaege.fuer.angehoerige.html

Du befindest Dich selbst akut in einer Krise? Dann kannst Du Dich an eine unserer allgemeinen Anlaufstellen für Notfälle wenden.

*Alle Zahlen stützen sich auf die im Folgenden genannten Fachartikel.

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Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist eine bundesweite Initiative, gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit. Wir vertreten Betroffene von psychischen Erkrankungen, Angehörige und Experten. Gemeinsam setzen wir uns für einen offenen Diskurs über psychische Gesundheit ein.
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